Über den Autor

Victoria Dietrich

Tourismusmanagerin (B.A.) & Guide, Grube Samson

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Über die wichtige Rolle der Frau im Bergwerksbetrieb ist nur wenig bekannt. Klar ist, ohne die Arbeitskraft der Frauen wäre das Leben im Bergstaat ein anderes gewesen. Wir versuchen die Lebensleitung der Frauen im Montanwesen zu beschreiben und zu würdigen und hoffen, das Wissen über die Frauen wird zukünftig weiter erforscht. Lesezeit: 3 min

Bergmann, Steiger, Hüttenarbeiter – der Bergbau wurde von Männern dominiert. Welche Rolle spielten die Frauen? Was waren ihre Aufgaben in der Gesellschaft? Und waren sie vielleicht doch im Bergbau tätig? Werfen wir einen Blick in die Vergangenheit….

Frauen als Angestellte in Bergwerken
1865 erließ Preußen ein Gesetz, das die Arbeit von Frauen untertage verbot. Wer jetzt aber denkt, dass sie deshalb dort nicht eingesetzt waren, liegt falsch. Zumindest für Belgien, England und Oberschlesien, denn dort waren Frauen untertage ein üblicher Anblick, waren sie doch oft wendiger als ihre männlichen Kollegen. Und vielleicht auch billiger. Zumindest im Oberharz war dies ein entscheidender Faktor für den Einsatz von weiblichen Arbeitskräften, allerdings nur übertage in der Erzaufbereitung. Und selbst diese war lange Zeit den Pochknaben vorbehalten, um ihnen den Einstieg in die Bergmannskarriere zu ermöglichen. Doch als ab 1855 die Arbeitskräfte knapp wurden, änderte sich dies. Schließlich konnten Frauen kurzfristig und kostengünstiger eingestellt werden. Sie erhielten zum einen weniger Lohn als die Pochknaben und darüber hinaus mussten für sie keine Sozialleistungen erbracht werden. Die schlechte Entlohnung führte in Verbindung mit der harten körperlichen Arbeit jedoch auch dazu, dass viele Frauen die Arbeitsstellen schnell wieder verließen.

Familienfinanzen in Frauenhand
Dennoch kam ihnen bei der Versorgung der Familien eine tragende Rolle zu: Die Haushaltsführung und Kindererziehung lag in ihren Händen. Und wenn man einigen Berichten Glauben schenken mag, war auch die Finanzverwaltung des Familieneinkommens Frauensache; waren sie es doch, die samstags ihre Männer begleiteten und den Lohn entgegennahmen, bevor die Herren ihn in die örtlichen Kneipen trugen.

Frauen tragen schwere Lasten – Landgängerei als typischer Beruf
Doch damit nicht genug: Um das Familienauskommen zu sichern, mussten sich auch die Frauen einen Nebenerwerb suchen. Typisch war die Landgängerei; ein- bis zweimal pro Woche liefen sie mit Kiepen in die Orte des Harzrandes, wo sie selbst gefertigte Erzeugnisse wie Magerkäse, Strickwaren, Holzgeräte, Weihnachtsschmuck, Schuhe oder Streichhölzer veräußerten und Lebensmittel wie Wurst, Fleisch und Fisch, Obst und Gemüse aber auch hochwertige Güter wie Porzellan, Steingut, Stoffe oder Kurzwaren einkauften. Ihr Lohn ergab sich dabei aus dem Gewinn von Ver- und Einkäufen, war aber alles andere als hoch. Zum Teil brachten sie auch Betriebsmaterial und Getreide im Auftrag der Bergwerke mit oder lieferten die zum Export bestimmten Harzer Roller Kanarienvögel an den nächsten Umschlagsplatz. Dass sie dabei erhebliche Lasten über teilweise weite Strecken bei jedem Wetter tragen mussten, führte oft zu Unfällen, bei denen sich die Kiepenfrauen schnell schwere Verletzungen zufügten. Auch waren chronische Erkrankungen alles andere als selten. Hinzu kommt ein sozialer Aspekt: Je länger die Distanzen oder je öfter die Frauen unterwegs waren, desto häufiger und anhaltender waren sie von ihren Familien getrennt. Das hatte zur Folge, dass oft schon kleine Kinder mitgenommen wurden (ab einem gewissen Alter unterstützten sie auch die Mütter bei der Arbeit) und dass sich gerade verheiratete Mütter einen Nebenerwerb am Wohnort suchten.

Die Familie als Überlebensgemeinschaft
Besaß die Familie Vieh, lag dessen Pflege in Damenhand, genau wie Gartenbau, Weidenmahd und die Untervermietung von Zimmern bzw. Schlafplätzen. Auch Gelegenheitsjobs bei wohlhabenden Familien oder der Kleinhandel als Hausiererinnen oder auf den Wochenmärkten waren typische Nebenerwerbsquellen. Und hier galt ebenfalls: Möglich war diese Art der Berufstätigkeit nur, weil die Töchter bereits ab dem 10. Lebensjahr die jüngeren Geschwister versorgten bzw. aufzogen. Ab dem 14. Lebensjahr wurden die Mädchen dann auch gern als Dienstmägde in umliegende Großstädte geschickt. Dadurch mussten sie von der Familie nicht mehr mitversorgt werden und konnten im Gegenteil vielleicht je nach Einkommen noch etwas zum Familienbudget dazugeben. Wieder einmal wird also deutlich, dass der Lebensunterhalt der Bergmannsfamilien nur durch die (Zusammen-)Arbeit aller Mitglieder gesichert werden konnte. Mit unserem heutigen Bild einer Familie hat diese Form der (Über-)Lebensgemeinschaft wohl wenig gemeinsam.

Bergmannsfrauen zwischen Emanzipation und Abhängigkeit
Obwohl die Tätigkeiten der Frauen das typische Rollenbild der damaligen Zeit widerspiegeln, so ermöglichte gerade der Nebenerwerb einen gewissen Grad an Emanzipation. Zum einen konnten die Berufstätigen nun auch Beiträge an die sozialen Kassen leisten. Darüber hinaus zeigt ihre Teilnahme an Protesten und Bittschriften an die Obrigkeit, dass sie sich ihrer Rechte durchaus bewusst waren. Gerade in der Zeit der französischen Besatzung, als sich der Rechtsrahmen für Frauen noch einmal verbesserte, nutzten sie dies, um sich bei Belästigungen oder sexuellen Übergriffen gerichtlich gegen die männlichen Täter zu wehren. Dieser zunehmenden juristischen Gleichberechtigung stand die finanzielle Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern gegenüber. So hatten es alleinstehende oder verwitwete Frauen äußerst schwer, ihre Existenz zu sichern, vor allem wenn sie weder Haus noch Vieh besaßen oder erbten. Fielen die Familien als weitere Stütze aus, konnten Kleinkredite oder Wohngemeinschaften mit gleichgestellten Frauen oder ebenfalls ledigen Männern zum „Überleben“ verhelfen. In letzter Instanz blieb nur die Armenfürsorge oder (in überschaubaren Fällen) die zum Teil staatlich geförderte Auswanderung nach Übersee. Um möglichen prekären finanziellen Situationen aus dem Weg zu gehen, ließen sich einige Paare nicht offiziell scheiden, sondern lebten nur getrennt voneinander.  

Die tragende Rolle der Frauen im Bergwerksstaat
Frauen nahmen also, auch wenn sie nicht direkt im Bergbau beschäftigt waren, eine wichtige Rolle innerhalb der Familie ein, vor allem dann, wenn die Männer als Haupternährer z.B. krankheitsbedingt ausfielen. Durch ihre Berufstätigkeit sicherten sie sich ein gewisses Maß an Selbstbestimmung, was jedoch in keinem Verhältnis zur Doppelbelastung (Beruf und Familie) sowie zur nach wie vor bestehenden rechtlichen und finanziellen Abhängigkeit von den Ehemännern steht.

Und heute? Gleichberechtigung auch untertage
Apropos Emanzipation: 2009 hob die EU das Arbeitsverbot für Frauen untertage im Rahmen der Gleichstellungsregeln wieder auf. Inwieweit das als Erfolg für die Damenwelt zu werten ist angesichts der harten Arbeitsbedingungen einerseits und des in Deutschland nicht mehr praktizierten Bergbaus andererseits, darf frau selbst entscheiden.
 

Weiterführende Literatur:

Laufer, Johannes: Lebenswelten und Lebenswege in den Oberharzer Bergstädten, Alltag und soziale Verhältnisse des Bergvolks im 19. Jahrhundert. Hannover 2010.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/frauen-im-bergbau-von-wegen-maennersache.1008.de.html?dram:article_id=432144, Abruf 13.10.20

https://www.lokalkompass.de/bochum/c-kultur/aus-dem-henkelmann_a1438137, Abruf 13.10.20

https://untertage.com/publikationen/21-bergbauhistorische-artikel/177-frauen-im-erzbergbau-dargestellt-am-beispiel-des-erzgebirges-eine-analyse-des-forschungsstandes.html, Abruf 13.10.2020

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