Über den Autor

Victoria Dietrich

Tourismusmanagerin (B.A.) & Guide, Grube Samson

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Zusammenfassung
Im Oberharz konnte aufgrund des rauen Klimas kaum Getreide angebaut werden. Die Viehhaltung war für die Menschen zu allen Zeiten überlebenswichtig. Die Bergwiesen spielten für die Futtergewinnung ein wichtige Rolle. Heute sind diese Fläche von besondere Bedeutung für den Naturschutz. In diesem Beitrag stellt Victoria Dietrich die höchstgelegen Bergwiesen Norddeutschlands vor. Lesezeit: 4 min

Noch ein Schatzkästchen
Sankt Andreasberg wird unter Geologen gern als „Schatzkästchen“ bezeichnet – wegen der hohen Mineralienvielfalt. Neben dieser – leider nicht mehr zugänglichen – Farben- und Formenpracht unter Tage besitzt der Ort noch einen weiteren „Schatz“, der in seiner Vielfalt dem untertägigen in nichts nachsteht. Gemeint sind die Bergwiesen rund um Sankt Andreasberg, die gerade jetzt im Mai und Juni in voller Blüte stehen. Hier wachsen seltene Kräuter, Gräser und Blühpflanzen, viele davon stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten und von einigen sind die letzten Exemplare Niedersachsens in Sankt Andreasberg zu finden. Auch deshalb stehen die Bergwiesen rund um den Oberharzer Ort unter Naturschutz.

Bergwiesen und Bergfreiheiten
Der Bezug zu den untertägigen Schätzen passt noch aus einem weiteren Grund: Die Bergwiesen sind, wie die Welt aus Stollen, Gängen und Strecken, von Menschenhand geschaffen und wären ohne den Bergbau nicht entstanden. Dort, wo heute 30 bis 40 Pflanzenarten auf einem Quadratmeter Boden zu bestaunen sind, wuchs einst: Wald. Mit den Bergfreiheiten von 1521 und 1527 wurden den Bergleuten umfangreiche Rechte zugebilligt, um Fachkräfte aus anderen Regionen für den aufblühenden Oberharzer Bergbau zu gewinnen. Zu diesen Freiheiten zählten u.a. die Befreiung von Fron- und Hofdiensten, die kostenlose Nutzung von Holz als Bau- und Brennmaterial, die Zollfreiheit, aber eben auch die Erlaubnis zur Waldrodung für Land- und Viehwirtschaft.

Harzer Rotes Höhenvieh und die „Kuh des kleinen Mannes“
Erstgenanntes schied auf Grund der rauen klimatischen Verhältnisse im Oberharz aus. Da der bescheidene Lohn eines Bergmannes bei weitem nicht ausreichte, um die gesamte Familie zu ernähren, hielten viele Familien eine Ziege, auch „Kuh des kleinen Mannes“ genannt. Wer wohlhabender war, konnte sich auch eine echte Kuh leisten. Besonders bewährt hat sich dabei die Rasse des Harzer Roten Höhenviehs, die zwar weniger Ertrag liefert als unsere heutigen Milchkühe, dafür aber dem Klima und kargen Futter strotzte. Im Sommer wurde das Vieh eines Ortes von Hirten zusammen- und in den Wald getrieben, wo es auf Kahlschlagflächen auf der sogenannten Waldweide sein Futter suchte.

Extensive Bewirtschaftung
Um auch im Winter die eigenen Tiere versorgen zu können, wurden ehemalige Waldflächen am Ortsrand freigehalten, um dort Heu zu gewinnen. Die Geburtsstunde der heutigen Bergwiesen. Diese wurden maximal mit Mist, Asche oder Kompost gedüngt, wenn die Wiesen gut erreichbar und entsprechendes Dungmaterial vorhanden waren. Gemäht wurde per Hand mit Sense einmal Ende Juni ab Johanni (24.06.) und eventuell Anfang September, wobei diese zweite, ertragsarme Mahd Grummet genannt wird. Insgesamt also eine eindeutig extensive Bewirtschaftung, die im Zusammenspiel mit Relief, Klima und Boden zur heute noch erhaltenen Zusammensetzung der Pflanzen führte.

Zeiten ändern sich – die Bergwiesen sind gefährdet
Mit dem Aufschwung im Bergbau nahm auch die Fläche der Bergwiesen zu. Da auf Grund des hohen Holzbedarfs im Bergbau selbst jener Rohstoff immer knapper wurde, kam es am Ende des 17. Jahrhunderts zu einer Flächenbegrenzung der Bergwiesen. Der Holzhunger des Bergbaus hatte klaren Vorrang vor allen anderen Industrien oder Waldnutzungsformen.
Zwar wurde die Viehhaltung im Oberharz auch nach dem Niedergang des Bergbaus fortgesetzt, doch spätestens in den 1950er Jahren mehr und mehr aufgegeben. Das hätte das Ende der Bergwiesen bedeutet, denn ohne regelmäßige Pflege in Form von Mahd und (leichter) Düngung hätte sich der Wald hier seinen ehemaligen Lebensraum zurückerobert. Doch auch andere potentielle Nutzungen der Flächen wie Bebauung, intensive Land- oder Viehwirtschaft oder auch die Aufforstung mit Monokulturen stellten eine Bedrohung dar.

Der Naturschutz übernimmt
Dass es nicht so gekommen ist, liegt an der Erklärung zum Naturschutzgebiet im Juli 1992. Damit sollten zum einen die eingangs erwähnten bedrohten Pflanzenarten, wie Arnika, Trollblume oder das Breitblättrige Knabenkraut vor dem Verschwinden bewahrt werden. Mit der Erhaltung der Flora werden gleichzeitig seltene Tierarten geschützt. Darüber hinaus handelt es sich bei den Bergwiesen um eine einmalige Landschaftsform „auf hohem Niveau“, denn erst ab einer Höhenlage von 400 m darf der Titel Bergwiese verwendet werden.

Landespflege und Landschaftsschutz
Als wertvolles Kulturgut geben sie uns heute Einblicke in frühere Lebensformen und den Umgang der Bergleute mit der sie umgebenden Natur. Aus meiner Sicht wünschenswert wäre, wenn wir diese frühere Bewirtschaftung zumindest in Teilen in unsere heutige Agrarlandschaft einbauen würden, gerade angesichts von Insektensterben und abnehmender Artenvielfalt.
Nicht zuletzt profitiert auch der örtliche Tourismus von den Bergwiesen – ziehen sie doch im Sommer mit ihrer Farbenpracht und im Winter als Loipengebiet zahlreiche Gäste an. Dennoch steht der Schutz an erster Stelle und deshalb ist es umso wichtiger, dass Wege nicht verlassen und Pflanzen nicht mitgenommen werden, auch wenn sie noch so schön aussehen. Denn nur dann kann zumindest dieser „Schatz“ von Sankt Andreasberg für die nachfolgenden Generationen bewahrt werden.
 

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