Über den Autor

Victoria Dietrich

Tourismusmanagerin (B.A.) & Guide, Grube Samson

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Zusammenfassung
…ist eine Frage, die unsere Gäste bei fast jeder Führung stellen. Gern gebe ich dann zurück: °Was schätzen Sie denn?“ Darauf kommen unterschiedliche Altersangaben, von 30/35 bis 50, selten darüber. Aber was sagen denn nun die Quellen?

Lebenserwartung in Clausthal – die Kindersterblichkeit macht den Unterschied
Für Clausthal wird im 19. Jahrhundert eine Lebenserwartung von maximal 35 Jahren angegeben, ABER diese Zahl ergibt sich auf Grund der hohen Kindersterblichkeit. Wird diese herausgerechnet, ergeben sich andere Werte. So gibt ein Bergarzt für 1850 folgende durchschnittliche Sterbealter an: 52 Jahre für einen einfachen Grubenhauer, 61 für einen Steiger (Vorarbeiter) und 67 für einen technischen Beamten, jedoch nur 42 Jahre für einen Hüttenarbeiter.

Arbeits- und Lebensbedingungen bestimmen das Sterbealter
Daran lässt sich sehr gut erkennen, dass die Lebenserwartung stark von den Arbeitsbedingungen abhing. Ein Hauer, der täglich mehrere Stunden untertage hart körperlich arbeitete, litt auf Grund der feuchten und teilweise sauerstoffarmen Luft schneller an Rheuma, Gicht oder Atemwegserkrankungen als ein Beamter, der die meiste Zeit übertage und im trockenen Büro verbrachte. Ganz zu schweigen von den Hüttenleuten, die den beim Schmelzen der Erze entweichenden giftigen Schwefel- und Bleidämpfen ausgesetzt waren. Die Lebensbedingungen der „einfachen“ Bergbevölkerung tat ihr Übriges: Mangelernährung in Folge von Armut war an der Tagesordnung, was zu einer erhöhten Krankheitsanfälligkeit führte. In den beengten Wohnverhältnissen herrschten schlechte hygienische Zustände, was die Ausbreitung von Infektionskrankheiten beflügelte.

Längeres Leben dank technischer Innovationen
Werfen wir einen Blick auf Sankt Andreasberg, ergibt sich nochmal ein leicht anderes Bild. Nach Auswertung der Sterbebücher wurden Berg- und Hüttenleute um 1829 im Schnitt 53 Jahre alt, 1848 bereits 62 und damit älter als ihre „Kollegen“ aus Clausthal. Für 1880/1881 steigt das Lebensalter noch einmal auf 63 Jahre bei den Bergleuten; Hüttenarbeiter liegen mit 48 Jahren deutlich darunter. Woher kommt dieser Anstieg? Uwe Sonntag, der die zitierten Werte ermittelte, führt die höhere Lebenserwartung auf technische Entwicklungen im Bergbau zurück, wie beispielsweise die Einführung der Fahrkünste (Aufzüge für Bergleute) ab 1833, die die Arbeitsbedingungen erheblich verbesserten.

Hohes Lebensalter – keine Erfindung der Neuzeit
Aber selbst 53 Jahre mag dem Ein oder Anderen erstaunlich alt vorkommen. Kann es vielleicht sein, dass unsere Vorstellungen vom zeitigen Tod in früheren Jahrhunderten falsch sind?  Eine interessante Untersuchung in Thüringen deutet darauf hin. Das „Projekt 1719“ unter Leitung von Kai Lehmann befasste sich mit der „Lebenserwartung im 17. und 18. Jahrhundert in der Herrschaft Schmalkalden“. Untersucht wurden die Kirchenbücher mehrerer Dörfer um und die der Stadt Schmalkalden in Bezug auf die Sterbealter der Einwohner. Das erstaunliche Ergebnis: Die Menschen starben im Schnitt mit 55 bis 60 Jahren, also gar nicht so viel früher als heutzutage. Woher kommen dann unsere Auffassungen von wesentlich geringeren Lebenserwartungen? Es könnte daran liegen, dass bei einigen Angaben die hohe Kindersterblichkeit mit einfließt. Und die lässt, wie wir eingangs am Beispiel Clausthal gesehen haben, das Durchschnittslebensalter auf unter 40 sinken. Das betont auch Lehmann – wer das 18. Lebensjahr erreichte, hatte auch eine realistische Chance, 60 oder sogar noch deutlich älter zu werden.

Der zeitige Bergmannstod – ein Mythos
Fassen wir also zusammen: Ein gewöhnlicher Bergmann hatte im Oberharz einen körperlich anstrengenden Job. Als technische Innovationen zu einer Erleichterung der Arbeitsbedingungen führten, konnten auch einfache Grubenhauer so alt werden wie ihre Vorgesetzten. Doch auch vorher starben die Bergleute nicht zwangsläufig früher als andere Bevölkerungsgruppen. Denn die entscheidenden lebensbestimmenden Faktoren waren Mangelernährung und Krankheiten infolge schlechter hygienischer Zustände. Und diese galten für alle Menschen gleichen sozialen Ranges.
 

Weiterführende Literatur:

Laufer, Johannes: Lebenswelten und Lebenswege in den Oberharzer Bergstädten, Alltag und soziale Verhältnisse des Bergvolks im 19. Jahrhundert. Hannover 2010.

Lehmann, Kai: Projekt 1719, Lebenserwartung im 17. Und 18. Jahrhundert in der Herrschaft Schmalkalden, in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte, Band 116, 2011, S. 137-162
 

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