Über den Autor

Victoria Dietrich

Diplom-Tourismusmanagerin & Guide, Grube Samson

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Der Oderteich

Wie wird ein Teich gebaut?
Wer heute um den Oderteich wandert oder im Sommer in ihm badet, kann sich schwer vorstellen, dass es sich dabei um eine 300 Jahre alte Talsperre handelt. Und nicht nur das: Der Oderteich hält einige Superlative bereit: Größter aller Oberharzer Bergbauteiche, für rund 170 Jahre Deutschlands höchster Staumauer und der einzige Oberharzer Bergbauteich mit einem Granitdamm. Da stellt sich natürlich erst einmal die Frage, aus welchem Material denn all die anderen rund 149 einst gebauten Teichdämme waren. Die Antwort offenbart den typischen, uns heute fremden Umgang der Bergleute mit Rohstoffen. Genutzt wurde das, was vor Ort zur Verfügung stand, weil es am günstigsten war. Transporte waren damals beschwerlich und teuer, da Straßen und Wege im Gebirge steil und oftmals in schlechtem Zustand waren. Im Oberharz gab es weder Lehm, noch Kalk oder Ton, dafür im Bereich gefällter Waldbereiche ausgedehnte Wiesen. Wenn auf diesen das Vieh einen Teil des Sommers verbrachte, verdichtete es den Boden. Die daraus gestochenen Rasensoden wurden mit Dammerde zu einem ziegelmauerartigen Rasenhaupt aufgeschichtet, was unter Wasser und ohne Luftkontakt eine gute Dichtung ergibt.

Geniale Lösung: Lokal verfügbare Baustoffe verwenden
Warum wurde dann der Oderteich nicht auch nach dieser Methode gebaut? Die Antwort klingt simpel, war aber der Grund, warum die Bergleute lange Zeit vor einem Teichbau an dieser Stelle zurückschreckten. Im Gebiet des Oderteichs waren keine Wiesen oder Wälder mit entsprechendem Boden zu finden, stattdessen bestand der Untergrund aus Granitfelsen und dessen Verwitterungsprodukt, einem braunen Sand, der von den Bergleuten Grus genannt wurde. Als die Bergleute jedoch entdeckten, dass eben jener Granitgrus sehr gute Dichteigenschaften besaß und als der Wasserbedarf der Sankt Andreasberger Gruben immer mehr wuchs, wagten sie schließlich doch den Bau eines Stauteichs nach einem bisher unbekannten Verfahren: Der Teichkern besteht aus Granitgrus und wird auf beiden Seiten von einem Zyklopenmauerwerk aus Granitfelsen gehalten. Letzteres können Sie bei etwas niedrigerem Wasserstand sehr gut erkennen.

Nachhaltigkeit: Dauerhaftigkeit und geringe Unterhaltungskosten
Da diese Bauweise vorher nicht angewendet wurde, erhöhten sich die Kosten im Laufe der siebenjährigen Konstruktionsphase (1715 bis 1722) um fast das Sechsfache. Ja, Sie haben richtig gelesen: Kostenexplosionen bei Großbauprojekten sind also keine Erfindung der Neuzeit. Dafür steht der originale Oderteichdamm noch heute, nach gut 300 Jahren und es führt mittlerweile eine Bundesstraße über seine Dammkrone. Ob moderne Bauwerke einer solch hohen Belastung und über einen vergleichbaren Zeitraum standhalten, wage ich an dieser Stelle zu bezweifeln, insbesondere auch im rauen Klima des Oberharzes. Die Bergleute bauten damals nicht für eine bestimmte Periode, sondern für die „Ewigkeit“. Das zeigen auch die beiden hölzernen Rohre, zwei ausgehöhlte Eichenstämme, die als Abfluss im Dammfuß eingebaut und erst vor wenigen Jahren undicht wurden – nach 300 Jahren Nutzung.

Size does matter
Seine Superlative hinsichtlich der Größe verdankt der Oderteich unter anderem dem Umstand, dass die Erbauer den Damm ohne Behördengenehmigung kurzerhand um 4 m auf 19 m erhöhten. Auch darin zeigt sich weitsichtiges Handeln: Das durch diese Maßnahme um 50% vergrößerte Stauvolumen sorgte dafür, dass der Oderteich erst nach 3 Monaten ohne Wasserzufluss austrocknet, was bei den Clausthaler Teichen schon nach ca. 4 bis 6 Wochen zu erwarten ist. Zum ersten Mal leergelaufen ist der Oderteich dementsprechend 1822, fast 100 Jahre nach seinem Bau. Die letzten beiden trockenen Sommer haben jedoch auch ihn an seine Grenzen gebracht; so konnte nur die Drosselung des Wasserabflusses ein erneutes Austrocknen verhindern.

Welterbe hautnah erleben wie sonst nirgendwo
Wenn Sie sich jetzt fragen, wozu dem Oderteich heute noch Wasser entnommen wird, lesen Sie den nächsten Blogeintrag. Auf jeden Fall lohnenswert ist auch eine kleine Wanderung um den Oderteich (ca. 4 km auf einem ebenen Weg). Neben den architektonischen Besonderheiten lockt auch die sich um den Oderteich zurzeit rasch wandelnde Bergwildnis des Nationalparks Harz. Im Sommer wird der Oderteich gerne auch zum Baden genutzt.
 

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